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Laufend Velo2010 

05. April 2006

Klingelkärtchen für die "Däumlinge" - (Text, Bild KStA, Tim Stinauer, 05.04.06) - Sie sind klein wie eine Visitenkarte, baumeln an einem Gummiband und sollen helfen, Köln zur „sichersten Millionenstadt 2010" zu machen - die „Klingelkärtchen". 10tsd der Pappkarten werden Politessen, Polizisten, Fahrradhändler und Mitglieder diverser Interessengruppen in den nächsten Tagen stadtweit an die Lenker und Klingeln abgestellter Fahrräder hängen. Warum? „Wir wollen für mehr Miteinander im Straßenverkehr werben und das vergiftete Klima, das oft auch unter Radfahrern herrscht, verbessern“, sagt Rolf Bauerfeind, Chef der Mülheimer Fahrradgruppe (mfg), die sich für Rechte und Wünsche von Radlern einsetzt.

Auf der Rückseite der „Klingelkärtchen“ wird der Radler zunächst gelobt („Hallo Radler, danke schön!“), weil er sich für ein umweltfreundliches Verkehrsmittel entschieden hat. Der Bitte, Verkehrsregeln zu befolgen und das Fahrrad technisch in Ordnung zu halten, folgt die Aufforderung mitzuhelfen, „dass Rücksichtnahme unter den Verkehrsteilnehmern selbstverständlich wird“. Außerdem wirbt die handliche Sympathiebekundung für die Internetseite des „Expertenkreises Velo 2010“.

Mit der Charme-Offensive wollen Polizei und Fahrradgruppen ein Umdenken der Radler erreichen. Obwohl schlecht ausgebaute Radwege, Autofahrer oder Fußgänger für einen Großteil der vielen Unfälle mit Radfahrern verantwortlich sind, nehmen auch diese es mit den Verkehrsregeln oft nicht so genau. „Ich habe manchmal den Eindruck, dass Radfahrer selbst entscheiden, ob die Ampel für sie Rot oder Grün zeigt“, sagte unlängst Polizeipräsident Klaus Steffenhagen. Auch würden sich Radfahrer häufiger als Autofahrer weigern, ihr Fehlverhalten einzusehen.

Der Kölner Diplompsychologe Michael Degen hat erforscht, warum das so ist. Degen zufolge verzichten Radfahrer freiwillig auf Annehmlichkeiten des Lebens wie Luxus, Motorstärke, Bequemlichkeit und Schnelligkeit. „Aber statt die erwartete Anerkennung durch die Gesellschaft zu bekommen, fühlen sie sich dem Machtkampf im Straßenverkehr schutzlos und rechtlos ausgeliefert.“ Stadtplaner und Polizei würden „gemeinsame Sache gegen die Radfahrer machen“. Der Autofahrer „und die ganze Auto-Gesellschaft“ würden zum Feindbild erklärt. Degen: „Die Radfahrer sehen sich gern in der Rolle des Däumlings. Die Riesen sind böse, gefährlich und unmenschlich - aber letztendlich hoffnungslose Fälle.“

Die mfg meint: Die Berufe des Psychologen und des Märchenerzählers sind offenbar eng miteinander verwandt. Fahrradfahrern zu unterstellen, freiwillig auf  Luxus und Motorstärke zu verzichten und dafür Anerkennung zu erwarten, ist hinreißend naiv. Das ist ganz die Sicht unreifer Heranwachsender, die den männlichen Status nach Motorstärke, Auspuffdurchmesser und Reifenbreite bemessen.

Es ist doch offensichtlich: Im Straßenverkehr werden bestimmte Gruppen bevorzugt und andere benachteiligt: Kinder, alte Menschen und Radfahrer stehen nicht oft an erster Stelle. Und wer daraus ein Märchen von Riesen und Däumlingen machen will, bitte schön. In der Sache hilft es nicht weiter. (rb/mfg)

07. April 2006

Umdenken notwendig - Kommentar von Tim Stinauer (KStA 05.04.06) - Ob die „Klingelkärtchen" Fahrradfahrer tatsächlich zu besseren Verkehrsteilnehmern erziehen? Vielleicht ja - wenn der ein oder andere Radler das Kärtchen einsteckt und an der nächsten roten Ampel liest, statt über die Straße zu fahren. Damit wäre schon eine Menge erreicht. Denn viele Unfälle verursachen Radfahrer selbst. Weil sie über Gehwege rasen, auf der falschen Straßenseite radeln oder bei Rot über die Straße fahren.

Da kann die Ampelschaltung noch so unsinnig sein, der Autofahrer mit dem Handy am Ohr noch so viel schlimmer und der Radweg löchrig wie ein altes Sieb - all diese Ausreden zählen dann nicht. Bevor sie auf rücksichtslose Autofahrer, achtlose Fußgänger oder nachlässige Straßenwärter schimpfen, sollten Radfahrer ihr eigenes Verhalten überprüfen. So ließen sich viele Unfälle mit teils verheerenden Folgen vermeiden.

Dass überhaupt jemand auf die Idee kommt, „Klingelkärtchen“ zu drucken, auf denen Radfahrer gebeten werden, die Verkehrsregeln einzuhalten, ist bezeichnend, aber offenbar notwendig. Das Engagement der Mülheimer Fahrradgruppe ist daher lobenswert. Zu befürchten ist allerdings, dass die meisten Kärtchen ungelesen auf der Erde landen - und ein Umdenken letztlich doch nur über Bußgelder funktioniert.

Die mfg hat verstanden: Radler, haltet Euch an die Regeln und alles wird gut. Wir haben zuerst gedacht, daß mit der Überschrift "Umdenken notwendig", gemeint ist, daß die Rahmenbedingungen für den Radverkehr verbessert werden müssen. Weit gefehlt: "Unsinnige Ampelschaltungen sind nur Ausreden, die nicht zählen." Da hat der werte Redakteur eine Chance zum Umdenken leider verpaßt. (rb/mfg) 

09. April 2006

Klingel, Karte und Kakao (Peter Berger, Kölner Stadt-Anzeiger 09.04.06) ... Endlich! Ich habe ein Klingelkärtchen. Es hing, visitenkartengroß, an meinem Fahrradlenker, mit einem Gummiband befestigt: "Hallo Radler, danke schön! Immer gute Fahrt - natürlich mit Helm! Ihr Expertenteam Velo2010!” - Keine Ursache, lieber Polizeipräsident … Blöderweise weiß ich leider gar nicht, was mein Klingelkärtchen wert ist ... Gegen drei Fleißkärtchen gab's eine extra Dreieckstüte Kakao…Doch was gibt"s für drei Klingelkärtchen? Gegen die Einbahnstraße radeln oder einmal bei Rot über eine Fußgängerampel? …

Die mfg erspart sich und Ihnen den Rest des vergnüglichen Kommentars. Da hat jemand schon in früher Jugend zuviel Kakao getrunken und davon eine Verstopfung bekommen. Der verkehrspolitische Ansatz von Velo2010, einen zusätzlichen, versöhnlichen Weg abseits von Kontrolle und Bestrafung zu gehen, wird nicht im Ansatz erkannt oder gewürdigt. Nein, hier hat es bei jemandem überhaupt noch nicht geklingelt. Gute Besserung! (rb/mfg)

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